Neue Materialien

Die Zukunft beginnt jetzt

Annika Dammann, m+a - Donnerstag, 1. August 2019    

envisions-ECO-oh!-recycled-plastics-in-process
© Ronald Smits

Unsere Welt wird urbaner: Laut einem Bericht der Vereinten Nationen sollen bis 2050 fast 70 Prozent aller Menschen in Metropolen und Megacities leben. Dieses Zukunftszenario stellt nicht nur hohe Anforderungen an die Infrastruktur, Architektur und Mobilität, auch im Bereich Materialien muss neu gedacht werden. Im Rahmen der Internationalen Leitmesse für Technische Textilien und Vliesstoffe, Techtextil in Frankfurt, widmete sich das Special Event „Urban Living – City of the Future“ eben diesem Thema. In Zusammenarbeit mit „Creative Holland“, einer Initiative der Niederländischen Kreativwirtschaft, stellte die Frankfurter Messe auf einem eigenen Areal mehrere zukunftsgerichtete textile Anwendungsbeispiele vor. „Mit Creative Holland konnten wir für die Umsetzung den perfekten Projektplaner gewinnen: Zum einen sind Textilien in der Geschichte und nationalen DNA des Landes fest verankert. Zum anderen ist das Land quasi eine einzige Metropolregion. Die Designorientierung der niederländischen Kreativwirtschaft und der innovative, zukunftsorientierte und nachhaltige Erfindergeist, der unser Nachbarland auszeichnet, passen hervorragend zur Positionierung der Techtextil und Texprocess“, so Olaf Schmidt, Vice President Textiles and Textile Technologies der Messe Frankfurt. Im Foyer der Halle 4.2 zeigten ausgesuchte Beispiele auf über 500 Quadratmetern, wie textile Innovationen schon heute menschliches Zusammenleben in urbanen Umgebungen verbessern. Ausgewählte Projekte aus Architektur und Bau, Mobilität, Medizin und Bekleidung wurden in einer architektonischen Landschaft inszeniert.

Welches Potenzial alte, abgetragene Sneakers in sich tragen, zeigte die Designerin Simone Post, Rotterdam. In Kooperation mit dem Schuhhersteller Adidas entwickelte sie einen textilen Teppichbelag, der aus recycelten Sportschuhen hergestellt wird. Dafür werden die Sneaker zunächst zu kleinkörnigem Gummigranulal zerkleinert; dieses verwendet die Designerin dann, um einen robusten und zugleich weichen Bodenbelag herzustellen – unter anderem mit einem Muster, das die allseits bekannten Adidas-Streifen neu interpretiert.

Dem Thema Wiederverwertung widmet sich ebenfalls das niederländische Unternehmen Envisions, Eindhoven, das in Kooperation mit dem belgischen Recycling-Spezialisten Eco-Oh!, Houthalen-Helchteren, Kompositplatten aus wiederverwertetem Plastik herstellt – selbst aus stark verschmutzten und zusammengesetzten Abfallprodukten. Die entstehenden Halbfabrikate können auf verschiedenste Art und Weise weiterverarbeitet werden.

Das Studio Samira Boon, Amsterdam, präsentierte die Textil-Installation Archifold, eine Kombination der Japanischen Origami-Faltkunst mit digitaler, parametrischer Webtechnik: Es ensteht ein faltbares Textil, das sich dank seiner Flexibilität sowie seinen akustischen und klimatischen Eigenschaften gut für große Innenräume eignet – im niederländischen Tilburg Theater sowie der Jiaxing Gallery in China kommt es bereits zum Einsatz.

Passt sich an: das kinetische Wandsystem „Aidapt“ von Rebecca Schedler. Foto: Messe Frankfurt / Jean-Luc Valentin

Textile Innovationen für das Zusammenleben in Megacities

Wie sich Textilien für die Bereiche Architektur und Bauen einsetzen lassen, war auch das Thema des Studenten-Wettbewerbs „Textile Strukturen für neues Bauen“, der gemeinsam vom internationalen Verband TensiNet und der Techtextil veranstaltet wird und bereits zum 15. Mal im Rahmen der Frankfurter Messe stattfand. Sechs Preise sowie zwei lobenden Erwähnungen vergab die Jury an innovative Ideen zum Bauen mit Textilien und textilarmierten Werkstoffen. Ausgezeichnet wurde unter anderem das Projekt „Aidapt“ von Rebecca Schedler, Weißensee Kunsthochschule Berlin: Sie entwickelte ein anpassungsfähiges kinetisches Wandsystem, das – in verschiedenen Transparenzstufen und bei Bedarf schallabsorbierend – die Möglichkeit bietet, große Räume in kleinere Arbeitsbereiche zu unterteilen. Ebenfalls einen Preis erhielt das Projekt „Bubbles“, eine pneumatischen Konstruktion von Hugo Cifre von der Universidad Europea de Madrid und Miguel Angel Maure Blesa von der Universidad Politécnica de Madrid.

Auch ausstellende Unternehmen konnten sich an einem Wettbewerb beteiligen: Beim Techtextil Innovation Award wurden textile Produkte mit besonderem Innovationsgrad ausgezeichnet. In der Kategorie „New Material“ ging ein Preis an den portugiesischen Korkverarbeiter Sedacor, Sao Paio de Oleiros, für sein Garn aus Kork: Cork-A-Tex. Bisher waren korkbasierte Textilien für Mode oder Heimtextilien verhältnismäßig steif, das neue Korkgarn bietet nun ein flexibles Produkt aus dem natürlichen Material und damit zusätzliche Designmöglichkeiten für die Modeindustrie und Inneneinrichtung.

Disruptive Materialien haben weitreichenden Auswirkungen

Das Thema neue Materialien hat ebenfalls die in Köln stattfindenden Interzum im Fokus: Unter dem Motto „Disruptive Materials – Changing the Future“ wurden auf einer Sonderausstellungsfläche von rund 400 Quadratmetern in Halle 4 einige der jüngsten Materialinnovationen und Technologien präsentiert – insgesamt 100 Exponate konnten die Besucher bestaunen. Kuratiert wurde die Ausstellung von Sascha Peters, Geschäftsführer und Gründer der Agentur Haute Innovations, Berlin, der sich bei der Ausstellung auf disruptive Entwicklungen konzentrierte: „Im Unterschied zu Werkstoffinnovationen haben disruptive Materialien weiterreichende Auswirkungen“, erläutert er. „Während Innovationen einen bestehenden Markt weiterentwickeln, schaffen sie einen neuen. Für den Verbraucher ist der Effekt solch einer Veränderung in der Regel erst zeitversetzt spürbar.“ Die Ausstellung war in die vier Themenschwerpunkte „biologische Transformation“, „Ressourceneffizienz & Nachhaltigkeit“, „Digitale Materialien & smarte Systeme“ sowie „Produktionsbezogene Materialinnovationen“ unterteilt. War es Leder, das aus Pflanzenfasern hergestellt wird, beheizbare Textilflächen oder magnetische Hölzer, leichte Bauplatten, die durch einen materialeffizienten Aufbau überzeugten oder ungewöhnliche Produktionsmaterialien wie Dinkel und Eukalyptus – die ausgestellten Materialien gaben einen Ausblick auf die Gestaltung von morgen. „Eine Weltleitmesse muss international sein, den Ausstellern ermöglichen, erfolgreiche Geschäfte abzuschließen und ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen – und sie muss in die Zukunft blicken“, erläutert Maik Fischer, Director Interzum bei der Kölnmesse, die themengebundene Sonderausstellung.

TEILEN SIE DIESE MELDUNG

Related Articles

Neue Ansätze

Die Veranstaltung „Bio.Innovationen.Stärken“ am 26. November in der neuen Denkerei, Kassel, widmet sich dem Thema biobasierter und nachhaltiger Baustoffe.

Mehr
Zukunftsmaterial

Materials in Progress schlägt in acht Kapiteln die Brücke von Wissenschaft und industrieller Forschung hin zu Anwendungen in Architektur und Design.

Mehr
Der „Kongress der Zukunft“ steigt am 14. November in Dresden

Die Konferenz „Fit4Congress“ findet am 14. November 2019 wieder in Dresden statt. Die Fachveranstaltung widmet sich dem „Kongress der Zukunft“ und den Säulen Interaktion, Netzwerk und Dialog.

Mehr

Am meisten gelesen

Nachhaltige Bodenbeläge

Ein hoher Recyclinganteil und mehrfach einsetzbar – die neue Bodenbeläge haben eines zum Ziel: Messen etwas nachhaltiger zu machen.

Mehr
Pavillon 11 als Ideen-Reich

Das DLG-Agrifuture Lab wird neuer internationaler Treffpunkt der Start-up-Szene

Mehr
Volles Haus am 30. Geburtstag

Fokus der Guided Tours durch Nürnbergs Messehallen liegt auf Use Cases

Mehr

Kategorien und Tags

Praxis | Design | Materialien | Zukunft | Techtextil | Interzum | Megacities | Innovation | Textilien