Power für Messedienstleister: Uta Goretzky

„Wir brauchen Bilder von laufenden Veranstaltungen“

Gwen Kaufmann - Donnerstag, 3. September 2020    

„Wir brauchen Bilder von laufenden Veranstaltungen“
Photo: Ifes

Ohne Messebau gibt es keine Messen – schon im März machte die International Federation of Exhibition and Event Services Ifes, Brüssel, mit diesem Claim auf die Nöte ihrer Mitglieder aufmerksam. Fünf Monate später ist eine umfassende Wiederaufnahme der Messeaktivitäten noch immer in weiter Ferne. Verbandsgeschäftsführerin Uta Goretzky spricht über die größten Herausforderungen ihrer Mitglieder und wie Unterstützung zum Erhalt der Dienstleisterbranche gelingen kann.

Anspruch: Lösungen schaffen
Devise: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
So bin ich in die Messebranche gestartet: Als Hostess auf der Mutter aller Messen, der Hannover Messe, auf dem Stand von ZF.
Das Faszinierende an Messen ist: Hier schafft man es in kürzester Zeit Probleme zu lösen – oft solche, die man vor Beginn der Messe gar nicht kannte.
Lieblingssong: „Don’t give up“ von Peter Gabriel, gerne in der „Live-blood“-Version.

Frau Goretzky, der Herbst steht vor der Tür, normalerweise Hochsaison für Messedienstleister. Wie sieht es aktuell bei den Mitgliedsunternehmen des Ifes aus?
Grundsätzlich ist die Stimmung natürlich gedrückt, viele Unternehmen kämpfen gegen die Umsatzeinbrüche, die der weltweite Lock-down der kompletten Veranstaltungsbranche beschert hat. Doch lassen sich auch zwei weitere Trends ausmachen: Unternehmen diversifizieren ihre Angebote, indem sie entweder in völlig neue Märkte vorstoßen oder ihre Kunden mit neuen Lösungen für die „Customer Journey“ unterstützen.

Ist das für alle Länder und Anbieter ähnlich gelagert oder gibt es Unterschiede?
Es sind Unterschiede erkennbar, auch wenn die Pandemie keine Region der Erde verschont hat. Messemärkte wie China oder auch die USA reichen sich selbst, sprich internationale Reisebeschränkungen haben deutlich geringere Auswirkungen darauf, ob Aussteller und Besucher zu einer Veranstaltung kommen oder nicht. Anders ist das in Europa und gerade in Deutschland: Hier sind es internationale Leitmessen, die an vielen Stellen den Messemarkt bestimmen. Und eine Messe, bei der zwei Drittel der Aussteller und Besucher von Reisebeschränkungen und Quarantänemaßnahmen betroffen sind, steht deutlich schneller vor dem Aus – was wir ja derzeit täglich spüren. In China sehen wir augenblicklich die stärkste Rückkehr zur „Normalität“. Hier führen unter anderem deutsche Messeveranstalter Messen durch, deren Schwesterveranstaltungen in Deutschland abgesagt oder zumindest verschoben wurden.

In welchem Bereich und von wem brauchen Ihre Mitglieder am dringendsten Unterstützung? Warum verschaffen bisherige Angebote nicht genügend Linderung?
Global wurde der Veranstaltungsbranche im Frühjahr der Stecker gezogen. Jetzt sind einzelne Länder oder noch kleinere Einheiten wie Bundesländer, Regionen oder Kommunen damit beschäftigt, Sicherheitsmaßnahmen zu veranlassen und umzusetzen. Und diese ändern sich in schöner Regelmäßigkeit immer wieder. Aussteller sind in einer solchen Situation auf regionale Unplanbarkeiten gestoßen und irgendwann beschlossen: Wir verzichten auf Messen und Events in 2020 und setzen das Geld für andere Vertriebskanäle ein. Das ist verständlich, nur für die Veranstaltungsdienstleister ist es eine Katastrophe, denn es kommt einem Berufsverbot gleich. Deshalb brauchen Unternehmen der Branche Unterstützung in Form von Hilfszahlungen. Wenn Bauern aufgrund von Witterungsbedingungen staatliche Hilfen bekommen, ist das für viele Regierungen normal. Wenn Messedienstleister unverschuldet „Ernteausfälle“ beklagen, gibt es keinerlei Fördertöpfe.

Welche Wünsche haben Sie an Veranstalter? Was können sie tun, um Messedienstleister zu unterstützen?
Machen – Messen einfach durchführen, wissend, dass sie kleiner ausfallen als die Vor-Corona-Veranstaltungen. Es gibt ausgefeilte Konzepte, wie Veranstaltungen Corona-konform stattfinden können. Es braucht die Verlässlichkeit, dass Messen stattfinden, damit Aussteller damit planen können und das nötige Vertrauen in das Medium wieder gestärkt wird. Auch wenn dies kurzfristig zu Umsatzeinbußen bei den Veranstaltern führt, es möglichweise kurzfristig wirtschaftlicher ist, die Veranstaltung abzusagen: Wir brauchen Bilder von laufenden Veranstaltungen, die Lust machen, wieder auf eine Messe zu gehen.

Und an Aussteller?
Ebenfalls: machen. An Veranstaltungen festhalten. Und dann: zu langjährigen Partner stehen und hier nicht versuchen den letzten Cent herauszuquetschen. Diese Unternehmen sind alle gebeutelt genug.

Was würden Sie zögerlichen Messebesuchern sagen wollen?
Jeder Besuch eines Supermarkts birgt höhere Risiken als der Besuch einer Messe. Und wir wissen: Kein einziges Einkaufszentrum weltweit ist bisher zum „Super-Spreader“ geworden.

In Asien, vor allem China, laufen Veranstaltungen wieder an. Was berichten Ifes-Mitgliedsunternehmen von ihren Erfahrungen vor Ort?
Messen finden in China mit ähnlichen Hygienekonzepten statt, wie sie für Europa entwickelt wurden und das funktioniert gut. Der Aufbau wurde zeitlich etwas entzerrt, Abstandsregeln werden eingehalten, gleiches gilt für das Tragen von Alltagsmasken – und zwar vor und während der Laufzeit. Und es gibt dort auch die ersten, vom Bund geförderten deutschen Auslandsmessebeteiligungen. Die Bilder zu sehen, ist mehr als ein Silberstreif am Horizont für die Messebranche.

Ifes selbst hat den jährlichen Kongress mit Mitgliederversammlung als hybrides Event abgehalten. Wie war es, zumindest mit einem Teil der Mitglieder und Gäste physisch zusammen zu kommen? Welche Learnings nehmen Sie aus dem hybriden Format mit?
Es war für alle vor Ort großartig, sich wieder zu sehen, den persönlichen Austausch zu haben. Es war eine Bestätigung, dass wir ganz schnell wieder Messen und Events brauchen. Und es war eine Premiere für uns, denn digitale Formate sind „gekommen, um zu bleiben“, sprich wir werden ab jetzt bei jeder unserer physischen Veranstaltungen überlegen, wie wir Online-Maßnahmen mit einbinden. Das wird das neue Normal, was bedeutet: Veranstaltungen werden aufwändiger und damit teurer. Es reichen nicht ein Zoom-Account (um nur einen Anbieter zu nennen) und ein Mobiltelefon. Das muss allen Beteiligten klar sein, wenn sie in diese Richtung planen.

Die wichtigste Lektion, die Sie in der Coronakrise gelernt haben?
Es ist weniger eine Neuigkeit als eine Bestätigung: Die Branche der Messedienstleister ist eine „Hinkriegerbranche“. „Wait and see“ war und ist keine Option für diese Unternehmen und Unternehmer. Die eingeschlagenen Wege sind höchst unterschiedlich, doch es gibt dadurch die Hoffnung, dass viele der Dienstleister den Restart der Veranstaltungsbranche erleben werden. Verdient haben es alle!

Ein Blick in die Zukunft: Wie werden Messen im Jahr 2023 aussehen?
Das Potenzial von Messen wird besser ausgeschöpft: im Vorfeld der Messe gibt es intensiven Kontakt der Aussteller mit ihren potenziellen Besuchern, Matchmaking funktioniert weitaus besser als heute. Aussteller schaffen es, über digitale Plattformen Interessenten einen „Besuch“ des Messestands zu ermöglichen und Messen leben, nachdem die Türen geschlossen sind, weiter. Physische Touchpoints werden über digitale Plattformen ausgedehnt. Weiter sind Messeveranstalter in der Lage, Besucherströme in ihren Hallen zu quantifizieren und bieten Abrechnungsmodelle, die nicht auf Quadratmetern, sondern auf Kontaktzahlen und -zeiten basieren – naja: vielleicht braucht dies bis 2025.

Interview: Gwen Kaufmann

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