"Jetzt wird es richtig ernst“

Jedes zweite Unternehmen geht unter

Christiane Appel - Dienstag, 26. Mai 2020    

Jedes zweite Unternehmen geht unter
Foto: Messe Düsseldorf / CTillmann

Seit Anfang März 2020 befindet sich die Veranstaltungswirtschaft in der größten Krise seit ihrem Bestehen. Sämtliche nennenswerten Veranstaltungen sind ab einer gewissen Größe untersagt, unterliegen so hohen Auflagen, dass die Durchführung faktisch unmöglich wird. Zahlreiche Kunden haben Ihre Veranstaltungen bereits vorsorglich bis Ende des Jahres komplett abgesagt. „Mehr als jedes zweite Unternehmen geht unter“, befürchten Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer des Fachverbandes Famab und dessen Vorstandsvorsitzender Jörn Huber. „Immer wieder haben wir darauf aufmerksam gemacht, dass 60 Prozent der Unternehmen nach vier Monaten die Liquidität ausgehen wird. Diese kritische Phase beginnt nun.“ Ihre Kritik: Von den politischen Entscheidern gab es bis dato kaum Feedback. Die Verbandsvertreter: „Die gesamte Branche macht sich daher allergrößte Sorgen. Wir erwarten nunmehr Antworten auf unsere Vorschläge und zu unseren existentiellen Sorgen. Wichtiger noch sind Entscheidungen und Handlungen.“ Sie befürchten ab Juni Massenentlassungen in der Branche: Rund 250.000 Menschen könnten ab dem nächsten Monat ihre Arbeit verlieren.

Sie, respektive der Verband, haben früh Vorschläge erarbeitet, wie gesundheitssichere Events zu realisieren sind …

Jan Kalbfleisch: Ja, Und wie die Branche gerettet werden kann. Bereits im April 2020 haben wir den politischen Entscheidern konkrete und umsetzbare Handlungsempfehlungen zu ihrer Rettung übergeben. Die Branche beauftragte externe Institute mit der Erstellung von Studien zum Thema Veranstaltungssicherheit im Kontext von Corona.

Jörn Huber: Leider war das Feedback aus der Politik bisher mehr als dürftig. Alle Aufforderungen zum Dialog verhallten – sicher nicht ungehört, jedoch folgenlos. Ebenso konnte bis zum heutigen Tag keine Handlung seitens der Regierung erkannt werden, die auch nur in Richtung Rettung deutet. Wir sind die ‚First in Last Out‘-Branche und damit härter betroffen als alle anderen!“

Gibt es denn keine Überbrückungshilfen?

Jan Kalbfleisch: Schon, aber das derzeit kursierende Eckpunktepapier vom 20. Mai mit Überbrückungshilfen für von den Corona-Maßnahmen betroffene Unternehmen nutzt uns wenig. Die Obergrenze von 249 Mitarbeitern, um überhaupt anspruchsberechtigt zu sein, wird große Teile der Veranstaltungsbranche exkludieren. Die Obergrenze muss deutlich anders gesetzt werden, oder die Veranstaltungsbranche wird zahlreiche gesunde und leistungsstarke Unternehmen verlieren.

Jörn Huber: Dazu kommt: Die Monate April und Mai 2020 sind als Grundlage für die Berechnung des Umsatzausfalls grundsätzlich ungeeignet. Allein durch normale unterjährige Umsatzschwankungen (Projekt- und Saisongeschäft) in der Veranstaltungsbranche muss auf einen deutlich größeren Zeitraum und Durchschnittswerte zurückgegriffen werden.

Jan Kalbfleisch: Und es kommt ein weiteres Problem hinzu. Durch die Corona-Maßnahmen und die damit verbundenen langwierigen Verhandlungen mit Kunden verursacht, konnten Rechnungstellungen erst mit erheblichen Verzögerungen erfolgen. Dadurch entsteht die Illusion von Umsätzen in Monaten, in denen die Auslastung bereits dramatisch eingebrochen war. Es wäre deutlich sinnvoller, hier auf langfristigere Durchschnittswerte zu setzen.

Könnte nicht alternativ die Auslastung der Unternehmen als Messgröße für das Betroffensein von den Corona-Maßnahmen herangezogen werden?

Jan Kalbfleisch: Die Höhe der „Förderung“ wird auf 50.000 Euro pro Monat begrenzt. Die Zahl sieht zunächst einmal beindruckend aus. Jedoch entspricht sie bei einem Unternehmen mit 250 Mitarbeitern gerade einmal 200 Euro pro Mitarbeiter und Monat. Ein Unternehmen der Veranstaltungsbranche mit 100 Mitarbeitern macht zwischen zehn und zwölf Millionen Euro Jahresumsatz. Derzeit verliert dieses Unternehmen – wohlgemerkt trotz umfänglicher Kostenreduzierungsmaßnahmen – monatlich 200.000 bis 250.000 Euro. Folglich ist der vier- bis fünf fache Betrag für die Rettung von 100 Arbeitsplätzen erforderlich. An der dramatischen Verlustwirkung für die Unternehmen ändert dieser Förderbetrag also kaum etwas.

Jörn Huber: Und er wird auch nicht zur Rettung von Unternehmen und Arbeitsplätzen führen. Stattdessen fordern wir, als die am härtesten betroffene Branche, einen Fixkostenzuschussfonds – pro Monat zwei Prozent des Jahresumsatzes – und einen umfassenderen mehrjährigen Verlustrücktrag, der ohne Konflikt mit der EU-Beihilfeordnung schnell möglich ist. Diese Maßnahme kostet den Staat eine Milliarde Euro. Damit rettet er leistungsfähige Unternehmen, sichert viele tausend Arbeitsplätze und verhindert den Verlust von über zehn Milliarden Umsatzsteuereinnahmen, die Gäste auf 2,89 Millionen Veranstaltungen pro Jahr in die deutschen Städte bringen.

Fragen: Christiane Appel

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