Unterwegs im politischen Berlin: Jörn Holtmeier

„Der Charakter einer Veranstaltung muss entscheidend sein“

Christiane Appel - Freitag, 24. April 2020    

„Der Charakter einer Veranstaltung muss entscheidend sein“
Foto: Auma / Michael Fahrig

Seit Jahresbeginn ist Jörn Holtmeier Geschäftsführer des Auma, des Verbandes der deutschen Messewirtschaft. Seinen Start in Berlin als „ruhig“ zu bezeichnen, ist vermessen: Der 41-Jährige hatte kaum Zeit, sein Büro einzuräumen, als sich das Coronavirus auf den verheerenden Weg machte und Veranstaltungen qua behördlicher Verfügungen untersagt wurden. Damit wurde „seiner“ Branche praktisch die Geschäftsgrundlage entzogen. Das quasi Berufsverbot stürzt die deutsche Messewirtschaft in ihre bisher schwerste Krise – und der neue Mann an der Spitze der Interessensvertretung ist gefordert wie kein anderer vor ihm. Bevor Jörn Holtmeier zum Auma wechselte, war er stellvertretender Büroleiter der Daimler-Konzernrepräsentanz für Bundesangelegenheiten in Berlin mit Schwerpunkt Verkehrs- und Umweltpolitik.

Anspruch: überzeugen
Aktueller Status: alert
Beste Entspannungsmusik: Live-Version U2 „Beautiful Day“
Lieblingsdrink: Gin Tonic

Ihr Arbeitsbeginn beim Auma: Nennt man den einen Kaltstart?
Im Gegenteil! Ich hatte beim Auma einen richtig guten Start. Erste Etappen habe ich schon im Dezember 2019 absolviert, das Team hat mir im Januar zu einem tollen Auftakt verholfen. 

Wie viele Hinterzimmer hat das politische Berlin?
… das politische Berlin hat viel mehr offene Räume als Hinterzimmer. Es gibt viele Foren und Tagungen, in die man sich einbringen kann und mitdiskutieren kann. Sie ermöglichen zudem persönliche Gespräche mit Entscheidungsträgern. Jeder wirbt für seine Interessen und macht Vorschläge, die in Regeln und Gesetze einfließen können. Das ist gelebte Demokratie. Aktuell muss Lobbyarbeit per Telefon und Video funktionieren, das klappt aber ganz gut.

Was treibt Sie derzeit beim Auma besonders um?
Es ist natürlich das Coronavirus beziehungsweise dessen Auswirkungen, besonders die auf unser wirtschaftliches Leben. Die Pandemie ist das eine. Die andere wichtige Aufgabe ist, die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen.

Und an?
Was mich wirklich antreibt: die Gewissheit, dass wir uns als Menschen wieder sehen und begegnen wollen, mit Leuten einer Branche zusammenkommen. So schwer die Krise auch ist: Nicht ohne Grund suchen auch die großen Digitalkonzerne die Nähe ihrer Kunden und potenziellen Nutzer, werben mit Freundesgruppen oder suchen mit begehbaren Pop-up-Stores physischen Kontakt herzustellen.
Nähe, Menschen, Begegnungen, Beziehungen, Vertrauen  – für Unternehmen sind diese Punkte überlebenswichtig. Vorteile, die gerade Messen bieten. Viele Mittelständler setzen auf dieses Marketinginstrument und planen damit. Sie brauchen Messen, um Geschäft zu machen.

Wann hatten Sie das letzte Mal Zeit zum Luftholen?
Die nehme ich mir jeden Tag ein Mal, um auf andere Gedanken zu kommen. Synapsen muss man auch mal trennen!

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
In einem Satz: Ich möchte, dass das Durchführen von Messen in Deutschland wieder gelingt.

Was würden Sie sofort tun, wenn Sie die Macht dazu hätten?
.. ein wirksames Medikament gegen das Coronavirus entwickeln.

Veranstaltung ist nicht Veranstaltung, ein Abend in einer Disco etwas anderes als der Besuch einer B2B-Messe. Muss dieser Punkt nicht eine wesentliche Rolle in der aktuellen Kommunikation spielen?
Diese Tatsachen spielen eine ganz wichtige Rolle in unseren intensiven Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern. Veranstaltungen sind individuell zu beurteilen. Es kommt auf den Veranstaltungscharakter an, nicht auf die Zahl der Personen. Der Veranstaltungscharakter ist das entscheidende Kriterium. Und die Flächenbelegung. Es macht einen Unterschied, ob sich an einem Abend um ein Rund 50.000 Personen versammeln oder sich 50.000 Besucher an drei Tagen durch zehn Hallen bewegen. Wir betonen diesen Unterschied, um eine klare Differenzierung zu erreichen. Messebesucher sind individuell in den Hallen unterwegs. Und Messen haben eine leistungsfähige Infrastruktur, die es erlaubt, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Nach der Coronakrise: Glauben Sie, dass Politiker die Bedeutung von Messen künftig mehr schätzen und stützen?
Unsere Branche ist bereits verstanden, ihre Bedeutung wird geschätzt. Es ist angekommen, was Messen leisten, gerade für den Standort Deutschland. Ich glaube, die Coronazeit ist der Moment, in dem die wirkliche Bedeutung allen noch einmal nachdrücklich vor Augen geführt wird.

2020 wäre für die deutsche Messewirtschaft ein unglaublich starkes Jahr geworden. Ihre Einschätzung: Werden auch künftig die meisten internationalen Leitmessen in Deutschland stattfinden?
Davon gehe ich fest aus. Über die verschiedensten Branchen und Standorte hinweg herrscht so viel Kreativität. Ich sehe uns gut aufgestellt. Und: Es gibt ein hohes Vertrauen in das Format Messe.

Die wichtigste Lektion, die Sie in der Coronakrise lernen?
Das klingt jetzt echt banal. Aber die Antwort lautet schlicht: wie wichtig Gesundheit ist. Gesundheit ist das Fundament, auf dem all die anderen Dinge aufbauen. Jeder kann froh sein, der gesundheitlich gut durch die Pandemie kommt.

Welche Momente werden bleiben?
Positiv: wie wir es in einem wahnsinnigen Kraftakt beim Auma geschafft haben, jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter binnen kürzester Zeit das mobile Arbeiten zu ermöglichen.
Negativ: wie auf einer Podiumsdiskussion, auf der ich auch Stellung bezogen habe, ein Mitdiskutant sagte, er habe seine Mitarbeiter auf Kurzarbeit Null setzen müssen.

TEILEN SIE DIESE MELDUNG

Related Articles

Erweiterung des Angebots

Das Carmen Würth Forum bietet nun professionelle Lösungen für digitale Alternativen zu Veranstaltungen.

Mehr
Krankenhaus mit System

Nicht nur in Büros schaffen modulare Architektursysteme Raum-in-Raum-Lösungen

 

Mehr
Bayern gibt grünes Licht

Nürnbergmesse startet mit der Galabau in die Herbstsaison

 

Mehr

Am meisten gelesen

Neuer Fachvorstand MICE & Sales für die HSMA Deutschland

Alexandra Weber wird neuer Fachvorstand MICE & Sales der HSMA Deutschland.

Mehr
Pressemitteilung: JMT

Der Gesellschafter der JMT Gruppe in Deutschland, die Boemer Rental Services Group, hat sich mit sofortiger Wirkung von dem Geschäftsführer Vincenzo Scrudato getrennt.

Mehr
Gründer bleiben Gesellschafter

Konrad Schmidt führt BBG Betriebsberatung allein

 

Mehr

Kategorien und Tags

Leute | Corona | Coronavirus | Jörn Holtmeier | Verband der deutschen Messewirtschaft | Auma | Berlin