Krisenmanager Jan Kalbfleisch

„Politisches Gewicht“ Ergebnis von viel Arbeit

Christiane Appel, m+a - Mittwoch, 25. März 2020    

Krisenmanager Jan Kalbfleisch
Foto: aha Fotomanufaktur

Jan Kalbfleisch steht seit sechs Jahren an der Spitze des Kommunikationsverbandes Famab, in dem Unternehmen der Live-Kommunikationsbranche (Messebauunternehmen, Zulieferer, Montage-Betriebe, Eventagenturen, Caterer …) organisiert sind. Von Rheda-Wiedenbrück aus steuert er dessen Geschicke. Das hat er in der Vergangenheit eher leise getan, seit der Corona-Krise aber zeugen unzählige Interviews in großen Tageszeitungen, Radiostationen und Fernsehsendern von seinem Engagement. Dass die Messebaubranche in Deutschland auf einmal so präsent ist, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Der Verbandsgeschäftsführer, dessen Kopf häufig von einer Wollmütze beschützt wird, ist – wenn er sich nicht für die Live-Komm-Branche engagiert – leidenschaftlicher Fliegenfischer. 

Name: Jan Kalbfleisch
Alter: 47
Lieblingsaccessoire: natürlich Mützen!
Wenn Musik, dann: 100% Metalhead!

Was sollte jeder über den Famab wissen?
Dass der Famab in seiner inhaltlichen Breite eine Plattform für alle Unternehmen und alle Themen unserer Branche ist. Wir sind ein starkes Netzwerk, was wir alle gerade in diesen Zeiten merken und brauchen.

Welcher Moment hat alles verändert?
Für mich war das die Absage der ITB. Damit war aus meiner Sicht klar, dass diesem Beispiel nun viele folgen werden. Glücklicherweise konnten wir sofort in einen konstruktiven „Krisen-Modus“ schalten.

Wen rufen Sie derzeit am häufigsten an?
Ehrlich gesagt, werde ich derzeit so viel angerufen, dass ich kaum jemanden anrufen kann. Mitglieder, Vorstände, Partner-Verbände, Kollegen aus dem europäischen Ausland, Journalisten aus Presse, Funk und Fernsehen und viele andere mehr. Und das ist gut so, denn alle haben Informationen, Hinweise, Bitten, Angebote, die für die gesamte Branche derzeit wichtig sind.

Drei Punkte, die es als nächstes zu bearbeiten gilt …
1. Stabilisierung der Branche
Wir müssen gemeinsam durch Hilfen von außen (Politik) und interne Maßnahmen in die Situation kommen, möglichst lange durchhalten zu können. Da sind wir noch nicht ganz da, wo wir hinkommen sollten. Wir sind und bleiben da ganz eng an der Politik und der Branche dran. Aus meiner Sicht haben wir noch bei weitem nicht alles gesehen und getan, was möglich ist.
2. Positive Botschaften
Sobald ein Ende – und sei es auch nur ein vorläufiges – überhaupt absehbar ist, muss die gesamte Branche wieder in einen positiveren Modus kommen. Wir müssen uns auf unsere vielen Stärken besinnen und diese nach außen tragen. Wir müssen Ausstellern und Kunden die Lust an lebendiger Kommunikation zurückbringen. Es kann und darf nicht sein, dass Messen und Events mittelfristig als „Infektionsherde“ angesehen werden. Das wird herausfordernd genug – aber durchaus machbar.
3. Aus den Fehlern lernen
Jeder Teil unserer Branche für sich und die Branche als Ganzes dürfen und sollte einige Lehren aus dieser Situation ziehen. Zum Beispiel die, dass „politisches Gewicht“ nicht gerade dann vom Himmel fällt, wenn man es braucht, sondern das Ergebnis eines langen Weges und viel Arbeit ist.

Was bedeutet beruflicher Erfolg für Sie?
Derzeit ist jedes Unternehmen, das – vielleicht mit unserer Hilfe – eine bessere Überlebenschance bekommt, ein Erfolg. Daraus ziehe ich meine Energie.

Die wichtigste Lektion, die Sie in der Corona-Krise gelernt haben?
Wenn Dinge passieren, die Du für unmöglich gehalten hast, handle! Denke und handle schnell, konsequent, unkonventionell und nicht durch Ängste vor Fehlern geprägt. Mein Mantra in den ersten Tagen war immer „Wir haben bereits verloren … also wird alles, was wir tun, zu einer Verbesserung unserer Situation führen!“.

Welche Momente werden bleiben?
Zum einen sicher die vielen Gespräche und die überaus vertrauensvolle Zusammenhalt mit meinem Vorstand. Unternehmer, die alle in der gleichen, schlimmen Lage waren (und sind) wie alle anderen, aber dennoch Zeit und Kraft finden, sich im Verband zu engagieren. Und natürlich die Unterstützung meiner MitarbeiterInnen. Es ist nicht ganz einfach mit mir, wenn ich in den Sparta-Modus geschaltet habe.

Auf welche Veränderungen hoffen Sie in und für die Zukunft?
In naher Zukunft benötigen wir eine klare Aussage der politisch Verantwortlichen, wie die Zukunft aussehen soll, oder zumindest kann. Mir ist klar, dass dies in dieser Situation nicht einfach ist, aber es deutet sich bereits jetzt an, dass die Ungewissheit den Menschen und Unternehmen am meisten zusetzt. Und natürlich wäre mein, zugegebenermaßen etwas naiver Wunsch, dass wir uns einige positive Veränderungen hinsichtlich des Umgangs miteinander in die Zukunft retten. Aber wir kennen uns ja …

Ihre Einschätzung: Wie sieht Messe künftig aus?
Messen werden in ihrem Kern bleiben, was sie sind und immer waren: Marktplätze und Räume für Gespräche. Wir werden sicher neue, digitale oder virtuelle Lösungen haben, die die Messen ergänzen und erweitern. Wir werden sehen, dass „Messe“ zukünftig eher zu einer Gattungsbezeichnung für eine große Vielfalt an Formaten wird. Und ich glaube, wir werden nach Corona mehr Messe – wobei der Begriff Live-Kommunikation hier angemessener ist – haben werden als zuvor.

Fragen: Christiane Appel

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