Raumwelten-Kongress in Ludwigsburg

Vom Mond zum Menschen

Annika Dammann, m+a - Donnerstag, 23. Januar 2020    

Raumwelten-Kongress-in-Ludwigsburg
Geht es nach der ESA und dem MIT, könnte so eine Besiedlung des Mondes aussehen. Foto: SOM

Maß nehmen, Messen, ausmessen – wer sich mit Architektur, Innenarchitektur und Inszenierung beschäftigt, kommt an diesen Tätigkeiten nicht vorbei. Sie sind die Grundlage jeder Planung, gehen allen weiteren Schritten voraus. Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass sich die Veranstalter der Szenografie-Plattform Raumwelten bei der achten Ausgabe vom 13. bis 15. November für dieses Thema entschieden: Unter dem Motto „Vermessen! Maß und Maßlosigkeit in der räumlichen Inszenierung“ luden das Film- und Medienfestival, Stuttgart, sowie die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, nach Ludwigsburg in das Albrecht-Ade-Studio der Filmakademie Baden-Württemberg. Und das scheinbar erfolgreich: Nach Angaben der Gastgeber zählte die Veranstaltung 1.300 Kongress-Teilnehmer, den Raumwelten Public, also den öffentlichen, frei zugänglichen Inszenierungen, kamen gar 3.000 Besucher. Mit inkludiert bei der Rechnung waren neben den klassischen Kongress-Panels „Business“ und „Art & Research“ am Donnerstag und Freitag auch die zahlreichen Sonderveranstaltungen: Drei Lectures – unter anderem mit dem amerikanischen Architekten, Philosophen und Visionär Greg Lynn –, das neue Format „New Business & Digital“, bei dem sich sieben ausgewählte junge Digitalunternehmen aus den Bereichen VR, AR und Kommunikation im Raum präsentierten, sowie das Workshop-Panel „ABC der Szenografie“.

Rund um Maß und Messbarkeit sollten sich die Themen drehen, und das sowohl in gestalterischer als auch ökonomischer Hinsicht. Wie lässt sich Erfolg gelungener Szenografie und Architektur messen? Wie lassen sich neben quantitativen Parametern auch qualitative Faktoren für die Evaluierung räumlicher Inszenierung einführen? Und lebt nicht gerade Kommunikation im Raum von Entgrenzung und Maßlosigkeit?

Das erste „Business“-Panel am Donnerstag von Kurator Veig Haug (Wirtschaftsförderung Region Stuttgart) unter dem Motto „Working on the moon“ wagte einen thematisch mutigen Schritt in Richtung Raumfahrt und Besiedlung ferner Planeten. Der ehemalige Astronaut Ernst Messerschmid (Universität Stuttgart) und Dave Lavery (Nasa, Washington) gaben Einblick in ihre Arbeit und Weltraum-Missionen, während Marlies Arnhof (ESA, Nordwijk) über die besonderen Herausforderungen von Space Architecture sprach. Zurück zur Erde hingegen führte der Vortrag von Knut Göppert (Schlaich Bergermann Partner) über moderne Klimahüllen und intelligente Verschattungssysteme. Wenn auch die Redner und ihre Arbeiten überzeugten, so blieb doch der Bezug zur alltäglichen Gestaltung von Arbeitswelten sowie Marken-Inszenierungen im Unklaren – auch in der anschließenden Panel-Diskussion.

Eine Ausstellung rund um VR und Baubotanik ergänzte das Programm. Foto: Reiner Pfisterer

 

Anschließend zeigte Roman Passarge (Roman Passarge, Schramberg) mit seinem Panel die Bedeutung des Menschen als Maßstab bei der Gestaltung von Räumen auf: Während Caroline Fuchs (Die Neue Sammlung, München) mit Florian Käppler (Klangerfinder, Stuttgart) über die gemeinsame Entwicklung eines Sound-Archivs mit dazugehöriger App sprachen und damit das Thema Messen um den Aspekt Audio erweiterten, sprachen Katharina Rausch (Hauck & Aufhäuser, Frankfurt) und Tibor Hoffmann (Colliers International, Frankfurt) über das Spannungsfeld von weichen und harten Fakten. Wohltuend belebend wirkte der energiegeladene Vortrag von Ralf Nähring (Dreiform, Köln), der Einblicke in den partizipativen Veränderungsprozess seines eigenen Studios gab, in dessen Zentrum der Mitarbeiter als Maßstab steht.

Den Abschluss des Tages bildete der Vortrag von Harald Dosch (Nüssli Adunic, Frauenfeld), Andreas Horbelt (Facts and Fiction, Köln) und Tobias Wallisser (Lava, Stuttgart), die gemeinsam den Deutschen Pavillon auf der Expo 2020 in Dubai vorstellten und dabei der Frage nachgingen, welche Faktoren bei Großprojekten für die Erfolgsmessung wichtig sind.

Der zweite Kongress-Tag „Art & Research“ begann mit Jean-Louis Vidière (TU Berlin) und seinem Panel „Vermessen!“, in dessen Zentrum die These stand: Keine starke Szenografie ohne Maßlosigkeit und Vermessenheit. Gemeinsam mit der Künstlerin Christiane Hütter (futurewithplay.de, Berlin) und Uwe J. Reihardt (Ausstellungsmacher) verließen sie das übliche Format der Frontalvorträge und zogen das Publikum aktiv mit ein.

Das Panel „New Dimensions“ von Kurator Tobias Wallisser (Lava, Berlin/Stuttgart) setzte seinen Fokus auf Dimensionen: Während Nils Fischer (Zaha Hadid Architects, London) eine Reihe von Projekten vorstellte, die allesamt mittels parametrischen Designs am Computer entworfen wurden, ging Maria Yablonina (ICD Universität Stuttgart) auf ihre Arbeit rund um Robotik, digitale Produktionsmethoden und architekturspezifische mobile Robotiksysteme ein. Unter dem Titel Cosmographies stellten Cristina Dáz Moreno und Efrén García Grinda (amid. cero9, Madrid) anschließend ihre Arbeit vor.

Mit Maß und Maßlosigkeit beschäftigte sich ebenfalls der letzte Kongress-Block „Von großen und kleinen Maßstäben“ unter der Leitung von Petra Kiedaisch (avedition, Stuttgart). Anhand jüngster Museumsprojekte – von Mega-Museen in der arabischen Welt bis hin zu Installation im europäischen Raum mit begrenzter Fläche und Mikro-Objekten – zeigten Tanja Zöllner (Atelier Brückner, Stuttgart), Thomas Winterstetter (Werner Sobek, Stuttgart) und Bettina Magistretti (Sauerbruch Hutton Architekten, Berlin) auf, wie sie es schafften die perfekte Vermessung in räumlich Entgrenzung übergehen zu lassen.

Ergänzend zu den zahlreichen Eindrücken gaben die Veranstalter den Besuchern schließlich noch den nächsten Termin mit auf den Weg: Die nächste Ausgabe von Raumwelten findet vom 11. bis zum 13. November 2020 statt.

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