Scoringmodell in China

Schatten vor der Sonne

Gwen Kaufmann, m+a - Freitag, 8. November 2019    

Schatten vor der Sonne
Foto: Pixabay

Bis Ende 2020 soll es soweit sein: Das von der chinesischen Regierung ersonnene Corporate Social Credit System (SCS) soll vollständig implementiert sein und die Märkte sich dadurch basierend auf Echtzeit Monitoring und Datenverarbeitung vollständig selbst regulieren. „Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass das Corporate SCS das umfassendste System ist, das eine Regierung zur Selbstregulierung eines Marktes einführt“, sagt Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, zur Tragweite des Modells, und ergänzt: „Es ist nicht auszuschließen, dass das Corporate SCS über Leben und Tod einzelner Unternehmen entscheidet.“

Was hat es mit diesem Sozialkreditpunktesystem also auf sich? Mediale Aufmerksamkeit hat bisher vor allem das von der chinesischen Regierung für seine Bürger geplante Scoring erregt, doch der auf Unternehmen gemünzte Ansatz wurde keinesfalls über Nacht aus dem Boden gestampft. Im Gegenteil, er ist viel weiter ausgereift als die Modelle für Privatpersonen. Seit 2014 arbeiten die Behörden an den Algorithmen und Ausführungen, die nun sukzessive veröffentlicht werden. So bleibt denn auch Stephan Buurma, Managing Director Asia der Messe Frankfurt, mit Blick auf das neue Verfahren gelassen. „Schon zum jetzigen Zeitpunkt existieren einzelne Rankings in Chinas Wirtschaft. Neu ist, dass diese ab dem kommenden Jahr zentral zusammengeführt werden sollen.“ Auch Denis Steker, Geschäftsbereichsleiter International der Kölnmesse, sieht es pragmatisch: „Wenn wir in China weiterhin als Unternehmen tätig sein wollen – und das wollen wir – müssen wir diese Regelung akzeptieren. Da wir uns aber selbstverständlich ohnehin gesetzeskonform verhalten, erwarte ich derzeit keine Auswirkungen auf unser Tagesgeschäft.“ Aus seiner Sicht bleibe lediglich abzuwarten, ob internationale Unternehmen unter besondere Beobachtung gestellt würden.

Um für europäische Unternehmen einen Überblick der Funktionsweise zu schaffen, hat die Europäische Handelskammer einen Report zum Corporate SCS zusammengestellt. Trotz eingehender Analyse durch das Beratungsunternehmen Sinolytics, Berlin, bleibt der Algorithmus, auf dessen Grundlage die gesammelten Daten analysiert und zu einem Score verdichtet werden, jedoch eine Blackbox. Auch China-Experte Buurma bestätigt: „Aktuell gibt es von offizieller Seite zu wenige Informationen darüber, wie das System im Detail funktionieren soll.“ Unstrittig ist, dass der erzielte Score für Unternehmen von großer Wichtigkeit sein wird. Dessen Wert hat unmittelbaren Einfluss auf die Möglichkeiten der Geschäftstätigkeit. Gute Scores sollen etwa mit niedriger Besteuerung und erleichtertem Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen belohnt werden, niedrige hingegen können im schlimmsten Fall zu Blacklisting und somit de facto Marktausschluss führen.

 

Foto: Messe Frankfurt

 

Für viele Unternehmen sind Messen die wichtigsten Marktplätze für das Chinageschäft. Hier werden Geschäfte eingefädelt und angeschoben. Entsprechend sehen sich Messeveranstalter in einer Verantwortung gegenüber den Ausstellern auf ihren Plattformen. Für Wolfgang Kranz, Bereichsleiter International und Mitglied der Geschäftsleitung der Nürnbergmesse, ist klar: „Die Mitarbeiter unserer Tochtergesellschaft Nürnbergmesse China in Schanghai pflegen mit den für unser Geschäft zuständigen chinesischen Behörden vor Ort einen konstruktiven Austausch. Von daher informieren wir unsere Aussteller regelmäßig über die relevanten Bestimmungen der chinesischen Regierung zur Teilnahme an Messen in China.“ So will es die Gesellschaft ebenfalls handhaben, sobald genauere Informationen zum neuen Sozialpunktesystem vorliegen. Den bisher schon engen Kontakt zu politischen Institutionen sieht denn auch Andreas Gruchow, Mitglied des Vorstands der Deutschen Messe und in dieser Funktion für das Auslandsgeschäft verantwortlich, als Vorzug: „Als Messeveranstalter bringt es die Rolle mit sich, dass man im konstanten Austausch mit Politik, Wirtschaft und Verbänden steht. Das ist ein Vorteil, denn man lernt sehr schnell und sehr viel über das chinesische Business und die gesetzlichen Rahmenbedingungen, für uns und auch für unsere Kunden und weiß sich dementsprechend zu verhalten und seine Prozesse und seine Richtlinien darauf abzustimmen.“

Akute Anpassungen scheinen jedoch kaum erforderlich zu sein, negative Konsequenzen für das Messegeschäft in China erleben deutsche Veranstalter bisher nicht, und befürchten dies auch nicht für die Zukunft. Wolfgang Kranz hat keine Unterschiede in der – durchweg guten – Stimmung auf den bisher in diesem Jahr gelaufenen Veranstaltungen der Nürnbergmesse in Schanghai festgestellt, Andreas Gruchow berichtet ebenfalls von „unbeeindruckt sehr gutem Messegeschäft“, etwa bei der Chengdu Motor Show (5. bis 14. September).

Unmittelbare Auswirkungen auf deutsche Aussteller in China erwartet die Messe Frankfurt, die einer der größten Messeveranstalter im Reich der Mitte ist, durch die Einführung des Sozialkreditpunktesystems nicht. Es gelte eine Unterscheidung zu treffen, denn in erster Linie betreffe das geplante Scoringsystem alle in China ansässigen, aktiven nationalen und internationalen Unternehmen. „Mit einer Messeteilnahme in China nutzen deutsche Aussteller ein Marketinginstrument und eine Präsentationsplattform, sie sind jedoch nicht unbedingt operativ im Land tätig“, umreißt Stepahn Buurma die Situation. Entstehen aus einer Messebeteiligung jedoch Geschäfte, ergibt sich für den Auslandsexperten der Kölnmesse Denis Steker nur eine mögliche Konsequenz: „Wenn ein Unternehmen in einem Land Geschäfte machen möchte, muss es sich mit den dortigen Rahmenbedingungen auseinandersetzen und diese – wenn es sich für Business in dem Land entscheidet – auch akzeptieren.“ Dazu gehört ab 2020 dann das chinesische Sozialkreditpunktesystems für Firmen.

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